Die Begriffe „Radikal“ bzw. „Radikaler Film können auf eine Vielzahl von kulturellen und künstlerischen Praxen angewendet werden. Im Kontext des Radical Film Network verweist ‚Radikalität‘ jedoch zuerst und vor allem auf die politische Zugehörigkeit zu progressiven Kräften und aktiver Teilhabe an den Auseinandersetzungen zur Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit – von den Rechten der ArbeiterInnen über ökologischen Nachhaltigkeit, bis zu Geschlechter, Rassen und sexueller Gleichberechtigung.


Auf Grundlage dieser ideologischen Ausrichtung, praktizieren und zelebrieren die Teilnehmer des Radical Film Networks die möglichen filmischen Radikalitäten auf vielfältige Arten und Weisen. Sie entwickeln neue herausfordernde ästhetische Praxen, experimentieren mit dem Medium selbst und sie suchen die politischen Ideale auf die Produktions und Distributionsprozesse anzuwenden. Dabei wird die Frage: ‚Was ist radikaler Film heute?‘, permanent neu gestellt und stets anders beantwortet.


Für die Veranstaltung „WAS IST RADIKALER FILM?“ wird in Kooperation mit dem Harun Farocki Institut im Silent Green Kulturquartier Berlin eine temporärer Raum geschaffen. Ein Ort der den Austausch zwischen Akteuren des Radical Film Networks und Berliner Film- und Kulturschaffenden herstellen und den britisch-deutschen Dialog fördern möchte. Ziel ist es gemeinsam nach anderen Antworten auf die Frage suchen: Was ist radikaler Film? und Was kann radikaler Film tun?


 

Radikaler Film, Gegenkino und Gegenöffentlichkeit


Die Dominanz der Film- und Medienindustrie, deren System von sozialen Repräsentationen und formelhaften Geschichten als ein symbolischer Unterdrückungsapparat angesehen wird, ist der Ausgangspunkt vielen filmischen Gegenbewegungen, die ästhetisch und ideologisch radikale Fragen stellen.


Schon in den 1920er Jahre entwickelten sich experimentelle Gegenformaten zu den von den großen Kinoverleihern bevorzugten Spielfilmen, denen angelastet wurde, die Menschen mit oberflächlicher Unterhaltung zu verrohen. Schon Dziga Vertov nannte 1924 den dramatischen Spielfilm ‚Opium des Volkes‘. In den 1970ern Jahren wurde der Begriff ‚Gegenkino‘ (Counter-Cinema) für alternative Filmproduktionen geprägt, die das Vertraute infrage stellen, Konventionen brechen und nach neuen Wegen der Narration suchen. Die Filme des Gegen-Kinos (oder auch Guerilla-Kinos) suchten die hegemoniale Praxen des kommerziellen Films auszustellen und anzuprangern und andere Formen der Subjektivität zu erproben. Dabei verwiesen sie auf die Programmatiken des Dritten Kinos, des anti-kolonialistischen Kinos und suchten die Widersprüche zwischen Selbstverständnis, Marktkonditionen des Films und propagandistischen Interessen herauszustellen, denen die politische Filmemacher ausgesetzt waren. Die meist noch jungen und unerfahrenen Filmemacher und Filmemacherinnen arbeiteten oft ohne Gagen und produzierten Filme, die ihren Ort eher im politischen Diskurs denn im ästhetischen Feld des Films suchten.


Bezugnehmend auf diesen politischen Filmdiskurs wurden in 80ern Videoaktivistengruppen gegründet, die Video als Propagandamittel einsetzten, um für die politischen Anliegen der Epoche neue Informationskanäle jenseits des Fernsehens zu besetze, mit dem Ziel eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. In Opposition zu den vorherrschenden Medien setzen diese Gruppen bewusst ihren Fokus auf die in den Medien unterrepräsentierten Sichtweisen und nutzten auch Mittel wie Übertreibungen und Fiktionalisierungen, um ihren alternativen Standpunkt zu verdeutlichen. Die in den 90er Jahren beginnende Entwicklung der digitalen Technologien und des Internets führt schließlich zu einer dramatischen Ausweitung des Videoaktivistenbereichs und zu ganz neuen Fragen. In Zeiten der permanenten Online-Verfügbarkeit von Film und Fernsehen, Fake-News und Lifehack-Clips, kann nur noch schwer die Rede von einem einzelnen hegemonialen Leitmedium sein. Wichtiger werden stattdessen Fragen nach den Followern, Fans und den entsprechenden Aufmerksamkeitskulturen.


Unabhängige Filmproduktionen und Video-Aktivismus müssen sich – wie auch die Film- und Medienindustrie – in dieser neuen Umgebung behaupten. Noch nie war die Filmtechnik so erschwinglich, so leicht erreichbar und der Film an sich so leicht international zu vertreiben wie heute. Zugleich brechen aber mit der ubiquitären Verfügbarkeit von bewegten Bildern die Vertriebs- und Verkaufsstrukturen zusammen, mit denen zuvor nicht nur ein Einkommen für die ProduzentInnen erwirtschaftet werden konnte, sondern auch eine – wenn auch arbiträre – Auswahl und Verknappung hergestellt wurde. Die Formate und Formen des Radikalen Films unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkten zu diskutieren und möglicherweise neu zu verorten soll Thema der Veranstaltung sein. Gleichzeitig soll es aber auch darum gehen, zu zeigen, dass das oppositionelle und radikale Filmschaffen trotz alledem noch immer vielfältig und bunt und sehr lebendig ist.


So hat sich in den letzten Jahren ein spartenübergreifender Diskurs rund um die Gegenbilder und Bewegungsbilder entwickelt, der sich über alle Bereiche des kulturellen Lebens erstreckt: Theater, Ausstellungen, Kino, TV, und Online. Überall geht es darum Erzähl- und Repräsentationsweisen zu finden, die die konventionellen Codes und Konventionen unterlaufen, Ihnen ein anderes Verfahren der Weltdarstellung und -interpretation entgegenzusetzen, sie zu verfremden und zu dekonstruieren. Manchmal übernehmen die Künstler und Filmemacher aber auch die konventionellen narrativen Muster um innerhalb dieser vertrauten Form alternative Bedeutung zu vermitteln. Sie machen sich damit den Illusionismus des Kinos zur Vermittlung einer anderen Sicht auf die Welt zunutze und suchen diese mittels Fiktion humorvoll und ironisch zu verdeutlichen.


Entsprechend dem Geist in dem das Radical Film Network (RFN) gegründet wurde, will das Radical Film Network Meeting Berlin eine Raum herstellen, in dem Aktivisten, Wissenschaftler, Filmemacher und Künstler zusammen kommen, um gemeinsam die Frage „Was ist radikaler Film?“ neu zu beantworten.